Pinion P1.18 Schaltgetriebe im Test "Oberlausitz" 08.06.2014 09:45


Das Innovationen und Variationen in der Bike-Branche ständig aufs Neue für

Aufsehen sorgen, kann man auf der jährlich stattfindenden Eurobike oder ISPO

Bike feststellen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ein pfiffiges

Entwicklerteam aus der Automobilbranche sich auch der Kurbelgarnitur des

Velos annahm und das bisher bekannte Antriebskonzept auf den Kopf stellte.

18 Gänge kompakt in einer Antriebsgarnitur verbaut, dafür steht Pinion.

Während das Heck zunächst an ein Single-Speed-Racer erinnert, ist das

Antriebsaggregat direkt im Tretlagerbereich zu finden. Kann eine solche

Antriebsmaschine auch im MTB-Bereich überzeugen? Genau dies wollten wir

wissen. Denn schließlich will eine Investition von 2 Riesen gut überlegt

sein.

Wir hatten das Glück, durch JJ Bikes, die P1.18 Getriebenabe an einem MiTech

650b Hardtail zu testen.

Bei einem Testzeitraum von 5 Tagen, sollte sich herauskristallisieren, ob

dieser Antriebsapparat im rauen MTB-Alltag überzeugen kann.

Als Testrevier wählten wir das Dreiländereck im Osten Deutschlands. Hier

wechseln sich auf kürzester Distanz knackige Anstiege, Wurzelpassagen und

flowige Trails ab. Bei Niederschlagsmengen um die 1000 mm im Jahr war klar,

dass sich hier die Kraftquelle P1.18 auch im aufgeweichten, teils

schlammigen Untergrund bewähren muss.

Natürlich steht man Neuem im Bezug zu Altem immer etwas ambivalent

gegenüber. So reizt das Neue, wenngleich immer das Alte in den

Vergleichsfokus kommt.

Vorsichtig fuhren wir daher die ersten Kilometer auf einer Flachstrecke, um

uns mit der Schaltperformance vertraut so machen. Das Schaltsystem mittels

Gripshifter kannten wir bereits von SRAM. Doch wurde jetzt kein Kettenwerfer

bzw. Schaltkäfig bewegt. Alles spielt sich nun in der „Blackbox“ im

Tretlagerbereich ab. Trotz des markanten Gewichts von 2,5 Kilo, hatten wir

nicht den Eindruck, dass sich dieses negativ auf die Fahreigenschaften

auswirken könnte. Das war schon mal die erste Überraschung und weitere

sollten folgen, denn der erste Anstieg wartete, und der war brutal lang und

wollte gefühlt bei echtem Schmuddel Wetter nicht enden. Um die

Subjektivität eines einzelnen Fahrers nicht zu sehr herauszustellen, folgte

der stetige Radwechsel im Team mit den klassisch gewohnten 2 und 3-fach

Antrieben. Hier waren sich alle Testpiloten einig, das Stirnradgetriebe kann

antriebsmäßig mithalten, doch es stellte sich als bald heraus, dass man

unter Last nicht mehr schalten kann. Im Wiegeantitt am Berg musste immer

noch etwas Restschwung vorhanden sein, um die nächstniedrigere Übersetzung

rechtzeitig im Leerlauf zuschalten.

Bedeutet kurz gesagt: Antreten- Leerlauf -Runterschalten und weitertreten

muss flüssig und zügig von statten gehen, damit man nicht den Todpunkt

erwischt und abspringen muss. Klingt zunächst kompliziert, war aber einfacher

umzusetzen als gedacht.

Schaltklemmer durch Äste oder Langgräser waren hingegen kein Thema, ebenso

kein Kettenklappern, Kettenabwurf oder Kettenschlagen bei der Abfahrt.

Ermöglicht wird dies durch ein geschlossenes System in dem die Wellen

und Stirnräder ihren Betrieb ohne äußere Einflüsse leisten können.

Das von JJ-Bikes verliehene Test-Bike mit MiTech-Rahmen erwies sich hier als

besonders verwindungssteif.

So machte das Kurbeln sichtlich Spaß und zog natürlich immer wieder

neugierige Blicke der Passanten auf sich. Bei fast jedem Halt musste der

Testpilot Rede und Antwort zur „Testrakete“ stehen.

Dies war sicher auch der Kupferfarbigen Version unseres Testmusters zu

verdanken.

Überraschend für uns war, das mehrere Gänge sowohl hoch als runter

übersprungen werden konnten, um Speed bzw. runde Traktion zu gewährleisten.

Die kompakte Bauweise ist so elegant gelöst, das auch hartnäckige

Schlammpassagen mühelos ohne Materialverschleiß passiert werden können.

Erwähnenswert ist auch, dass im Vergleich zur herkömmlichen

Kettenschaltung mit dem P1.18 ein gefühlt runderes Kurbeltreten in diesen Bereichen möglich war.

Die Dreckunanfälligkeit brachte am Ende jedes Biketages sichtliche Zeitersparnis beim

“heißgeliebten” Putzen. Hier genügten kurze Wasserstrahlen um das

Antriebsgerät wieder Fit für den nächsten Tag zu machen. Da mühten sich die

Tester mit den Vergleichsantrieben schon wesentlich mehr ab, weil das Fetten

und Schmieren doch gefühlt die ein oder andere Minute mehr raubt. Wer jetzt

denkt, das man mit einem P1.18 das Rundumsorglospaket besitzt, dem sei

gesagt, dass ein Ölwechsel nach ca. 10.000km erforderlich wird. Damit kann

man aber schon viele Putzroutinen sparen und die gewonnene Zeit zum Bsp.

länger auf dem Trail verbringen.

Doch konnten wir auch Probleme oder Nachteile feststellen?

Ja, beim Schalten zwischen den Gangabstufungen des 3×6, also bei Gang 7 und

13 war ein Schalten teils schwierig im ansteigenden Gelände möglich, da hier

der Übergang zwischen den Stirnrädern nicht ganz flüssig ist.

Fazit:

Nach den intensiven Testtagen ist uns die Pinion sehr ans Herz gewachsen.

Mit leichtem Seufzen haben wir das Testmuster wieder an JJ Bikes

zurückgegeben. Die deutlichen Vorteile des Getriebes kristallisierten sich

in unserem Terrain deutlich heraus. Flowiger Fahrspaß, progressive

Fahrdynamik und ein wartungsarmes Antriebssystem sind die klaren

Pluspunkte für den getesteten Antriebskandidaten. Einzig die Defizite in

Bezug auf einen kontinuierlichen Schaltzyklus bei Anstiegen unter Voll-Last und der saftige Preis von ca. 2000 € werden potentielle Interessenten zum kritischen Nachdenken veranlassen. 

Für CC- oder XC-Einsatzwettkämpfe ist das System noch zu schwer bzw. in der

getesteten Version, bei häufigen Up-/Downhill-Wechseln, auf

Grund der mangelnden Schaltperformance nicht zu empfehlen. Ab All-Mountain

bis Downhill und im privaten Hardtailbereich, wo die Stoppuhr zuhause

bleibt, sei jedoch eine klare Kauf-Empfehlung für die innovative

Antriebsalternative auf der Basis deutscher Ingenieursinnovation

ausgesprochen. Da probieren über studieren geht, sollte bei den zuletzt

genannten Einsatzbereichen auch das Pinion-Antriebsaggregat daher mit auf

die Testrunde gehen.

Wer gerne mal ein Gefährt mit der Getriebenabe auf

dem Trail testen möchte, kann gern bei JJ Bikes in

Mittelherwigsdorf vorbei kommen und sich selbst von dem Antrieb berzeugen.

Wir sind uns sicher, dass wir dieses Antriebs-System bald öfter jenseits des Wettkampfalltags zu Gesicht bekommen werden.

Statt “Kette rechts”, heißt es jetzt “Drehgriff rechts nach vorn”!


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